Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut (Matth. 2, 10)

Menschen sind unterwegs. Sie folgen ihren Träumen, sie lassen sich von ihrer Sehnsucht leiten. Sie sind aufgebrochen, irgendwo. Sie haben etwas gehört. Sie haben etwas gespürt. Sie haben eine Ahnung, mehr nicht. Eine Ahnung, dass es möglich sein könnte, ganz anders zu leben. Eine Ahnung, dass die Kriege enden. Dass die Erde schön würde. Dass die Menschen einander lieben und nicht hassen. Dass alles neu würde?

Diese Sehnsucht lässt sie aufbrechen. Sie wissen noch gar nicht, wohin sie gehen würden. Sie folgen einfach den Wegzeichen, die sie leiten.

Israel brach auf aus der Gefangenschaft. Ein gelobtes Land war ihr Wegweiser. Ein Land, in dem sie in Frieden und Freiheit leben könnten. Wo der Frondienst zu Ende wäre und sie von den Früchten des Landes und ihrer Hände Arbeit leben könnten. Am Tag leitet sie eine Wolkensäule und in der Nacht eine Feuersäule. Sie folgen ihrer Sehnsucht. Auch dann, als die Wegweiser sie mitten durchs Wasser und in die Wüste führen.

Die sogenannten Heiligen Drei Könige, von denen wir nicht genau wissen, wer sie waren und was ihre Besonderheit war – Sterndeuter – Wahrsager – Zukunftsforscher – Sinnsucher, sie brachen auf, um die Zukunft zu finden. Das Leben. Die Freiheit. Die Weite. Den Sinn. Sie brachen auf aus der Enge des Zweistromlandes, weil sie gehört hatten, dass ein Kind geboren war. Ein König? Auf jeden Fall etwas Besonderes. Hoffnung auf bessere, neue Zeiten.

Menschen fliehen vor den staubtrockenen Böden und den Stammeskriegen. Sie gehen nach Norden. Wo sie landen werden, wissen sie noch nicht. Sie haben nur gehört, dass es dort, über dem Meer, ein Land gibt, in dem es Arbeit gibt. Und Brot. Und Zukunft für sie und ihre Kinder. Sie müssen durch die Wüste gehen und durch das Wasser. Viele von ihnen schaffen es nicht. Sie verhungern. Ertrinken. Fallen üblen Banditen in die Hände. Obwohl sie auch diese Geschichten gehört haben, gehen sie. Klettern über den Grenzzaun, der Afrika von Europa trennt. Sie wissen um die Gefahr für Leib und Leben.

Was ist die Alternative? Für Israel war es das Bleiben in der Sklaverei. Für die Sinnsucher war es das Bleiben in den engen Grenzen der toten Gottheiten im Zweistromland. Für die Afrikaner lautet die Alternative: Tod. Keine Zukunft. Ende.

Eine Gemeinde bricht auf. Aus der Sicherheit des Gewohnten in die Unsicherheit des neuen Landes. Das Terrain kennen sie wohl. In Reutlingen und Umgebung sind sie schon lange unterwegs. Und trotzdem soll nicht nur das Gemeindehaus neu werden sondern auch die Gemeinde und die Menschen. Die Menschen sollen erfahren, dass im neuen Land alles neu werden kann. Und alles gut wird. Vor allen Dingen: die Menschen in der Gemeinde wollen neu denken und neu glauben lernen. Heraus aus dem gewohnten Trott. Aus den Mauern der Einsamkeit. Aus dem satten Einerlei. Hinein in das Abenteuerland der Nachfolge.

Als sie sich aufgemacht hatten, die Menschen, da gesellten sich zu den Träumen und Sehnsüchten nach einer besseren Welt die Zweifel. Was wäre, wenn sie in der Wüste umkommen würden? Was wäre, wenn sie von einem Irrlicht geleitet worden wären und sie im Nirgendwo enden würden? Was wäre, wenn sie im Mittelmeer jämmerlich ersaufen oder auf dem Grenzzaun verbluten würden? Was wäre, wenn uns die Puste ausgeht und wir den Neubau nicht stemmen und die Erneuerung der Gemeinde ein Hirngespinst bleiben würde?

Ach, wären wir doch nur bei den Fleischtöpfen Ägyptens geblieben! Unfrei, aber satt. Ach wären wir doch nur als geachtete Wissenschaftlicher in Mesopotamien geblieben! In der Enge, aber die gibt ja auch Sicherheit! Ach, wären wir nur in Somalia geblieben. Vielleicht hätten wir den Krieg überlebt und die Dürre hört irgendwann auf. Ach hätten wir nur unser altes Gemeindehaus ein bisschen renoviert! Wäre zwar eng und trostlos geblieben, aber wir hatten ja einander und es war kuschelig.

Und mitten hinein in diese trost-losen Gedanken knallt es hinein wie ein Feuerwerk: „Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut“. Weil sie gezeigt bekamen: Das Ziel lohnt den Weg. Das Ziel lohnt den Einsatz des Lebens. Der Stern – das war die Feuersäule und die Wolkensäule. Der Stern – das war das Zeichen für den Messias. Der Stern – das war die Grenzöffnung 2015 durch Angela Merkel. Der Stern – das ist der Beweis: Nicht wir sind unterwegs zu Gott – Gott ist unterwegs zu den Menschen. Nicht wir müssen ihn finden – er hat uns längst gefunden. Der Stern, das Kind in der Krippe, der Mann am Kreuz und der auferstandene Christus – er selbst ist der Beweis: Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns. Um uns als Leuchtspur Gottes den Weg zu zeigen. Wir dürfen folgen – in großem Vertrauen, dass am Ende des Regenbogens das gelobte Land liegt.

Kanaan – die neue Welt Gottes – ein Leben mit Perspektive und Zukunft – das Reich Gottes.

„Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut“. Ich wünsche uns allen erhobene Häupter, dass wir den Stern sehen und in die unbändige Freude hineingeführt werden, die Weihnachten uns bescheren will: Gott ist bei uns. Und die Zukunft ist aufgeschlossen. Auf ein gutes, gesegnetes neues Jahr, in dem wir den Spaten ansetzen werden und neues Land entdecken und erobern.

Gott segne uns alle.

Euer Pastor Günter Mahler