Gastfreundschaft für den Weltfrieden

Als der Tübinger katholische Theologe Hans Küng sein Projekt „Weltethos“ Ende des vergangenen Jahrhunderts ins Leben rief, habe ich ein interessantes Projekt als Journalist begleitet. Der Weltethos mietete in den österreichischen Alpen drei Berghütten: für junge Juden eine, für junge Muslime eine und für junge Christen eine. Am Vorabend des Schabbat fackelten die jüdischen Jugendlichen unglücklicherweise ihre Hütte ab. Es stellte sich die Frage: Wohin gehen sie und bitten um Asyl? Was vermutet ihr? Sie gingen in der Tat nicht zu den Christen, sondern zum aktuellen Erzfeind, den Muslimen. Begründung: Bei den Christen müssen wir erst langwierige theologische und ideologische Diskussionen absolvieren, bevor wir miteinander essen.Bei den sprichwörtlich gastfreundlichen Muslimen werden wir zuerst miteinander essen und trinken. „Vergesst die Gastfreundschaft nicht…“ mahnt uns der Schreiber des Hebräerbriefes.

Das trifft mich hart. Zumal in der heutigen Zeit, in der auch die Baptistengemeinden ihr vornehmstes Privileg immer mehr vernachlässigen. Früher haben wir wie selbstverständlich unsere Häuser geöffnet für Gäste und auch für Fremde. Jesus ist in die Häuser gegangen und hat mit den unterschiedlichsten Sündern und denen, die sich für Gerechte hielten, gegessen und getrunken und er hat sich so den zweifelhaften Rufs eines Fressers und Weinsäufers eingehandelt.

Aber das war es ihm wert, weil er wusste, dass es schon immer eine „Theologie des gemeinsamen Essens“ gab, die schließlich im Liebes- und Abendmahl mündete. „Engel beherbergt?“ Wer von uns hat das schon? Ganz viele – nur sie wussten es oft nicht! Engel sind in der Regel inkognito unterwegs. Zum Engel sind mir schon sehr viele Gäste geworden, die an unserem Esstisch (max. 12 Personen, wenn’s nicht reicht, wird angebaut…) Platz genommen haben. Und richtig kräftig gegessen und getrunken haben. Tischgemeinschaft als Grundlage für geistig-geistliche Gemeinschaft über alle religiösen, gesellschaftlichen und kulturellen Grenzen hinweg.

Früher bin ich in keine Gemeinde als Gast gekommen, ohne dass eine oder mehrere Einladungen zum Mittagessen rausgesprungen sind. In den letzten Jahren saß ich häufig allein in einem Restaurant und habe alleine vor mich hingemümmelt (hat natürlich nichts mit Reutlingen zu tun!)

Undenkbar wäre das gewesen in einer Baptistengemeinde der 60iger und 70iger Jahre. Merkt ihr was? Wir sind gerade dabei, unser Tafelsilber zu verschleudern, in dem wir die Individualisierung der Gesellschaft in unsere Häuser haben einziehen lassen. Gemeinde und Gemeindefamilie sind aber nie „My-Home-is-my-Castle“ – Bewegungen sondern die Gemeinschaft derer, die sich um den Tisch des Herrn versammeln. Und um die Tische derer, die ihm, dem gastfreundlichen und gastgebenden großzügigen Gott nachfolgen. In einer Zeit, in der die Welt zu Gast bei Freunden ist – nicht immer so romantisch wie bei der Sommermärchen-WM 2006 – sondern auf deutlich herausforderndere Weise – müssen wir den Hebräerbrief und alle Essensgeschichten der Bibel – neu buchstabieren. Denn jetzt sind es multikulturelle und multireligiöse Gäste, die gerne nicht nur in Erstaufnahmelagern sondern an unseren Tischen in der Gemeinde und in den Häusern Platz nehmen wollen. Ähnlich wie beim Weltethos in den österreichischen Alpen kann Gastfreundschaft und Tischgemeinschaft zum Weltfrieden beitragen.

„Und sie werden kommen von Norden und Süden, von Osten und Westen und zu Tisch liegen im Reich Gottes“. Unsere Güte, unsere Kochkunst, unseren Weinverstand und unser offenes Ohr und unsere offenen Herzen lassen wir kundwerden allen Menschen. Das wär‘s.

Guten Appetit, Prost und Amen.

Euer Pastor Günter Mahler