Aller Augen warten auf dich, Herr, und die gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. 

Psalm 145, 15

 

Ja, Gott versorgt uns. Er gibt reichlich, und hoffentlich danken wir ihm nicht nur einmal im Jahr dafür. Obwohl gelegentlich Frost zur Unzeit oder zu viel Hitze den Landwirten und Selbstversorgern einen Strich durch die Rechnung machen, haben die Wenigsten in unseren Breiten wirklich Mangel zu leiden. Ich denke an die Pfandflaschensammlerin, die mir neulich in der Pomologie begegnet ist. Trotz mickriger Witwenrente und ohne Aussicht auf eine wesentliche Verbesserung ihrer Lebensumstände strahlte sie Willensstärke und Zuversicht aus: Immer auf der Suche nach neuen „Schätzen“, die zwar ihren Stand in der Gesellschaft nicht verändern, aber ihre Versorgung sichern. Zumindest für den je aktuellen Tag findet sie immer genug, um zu überleben. Das ist die erste, grundsätzliche Sättigung.

Mich fasziniert der Gedanke, dass der Psalm nicht vom Überfluss und vom Ansparen spricht, sondern von der Speise zur rechten Zeit. Das klingt nach Ernährungsplan oder Fütterungszeit, auf die man keinen Einfluss hat. Soziale Unterschiede und globale Ungerechtigkeit sind davon unbetroffen: Der Herr versorgt seine Geschöpfe und hat dafür ein fantastisches System namens „Natur“ eingerichtet. Obwohl die Geschöpfe (v.a. wir Menschen) mehr oder weniger in deren Abläufe und Produkte eingreifen (Stichwort: Genmanipulation bei Nutzpflanzen), darf man nicht vergessen, dass der Schöpfer für die Grundidee verantwortlich ist: Der Kreislauf des Lebens geht auf IHN zurück. Deswegen sind es wirklich alle Augen, die auf ihn warten: ob er Gedeihen schenkt oder nicht; ob Fortpflanzung und Vermehrung gelingen oder nicht; und das Staunen über sich selbst erneuernde Ressourcen. Davor seine Augen zu verschließen, bedeuetet, die Augen vor Gott zu verschließen.

Wie wir als Geschöpfe untereinander diese Speise aufteilen und wie sie miteinander umgehen, liegt in unserer Verantwortung. Globale Gerechtigkeit und soziale Strukturen spielen eine Rolle, und leider kriegen die starken und schnellen Geschöpfe, die eine günstige Ausgangsposition und Zugriff auf die Ressourcen haben, davon weniger mit als alle anderen. Sie denken nach ihrer Grundversorgung als nächstes an die 2. Sättigung, an das Sammeln und Sparen, und nicht so sehr an Weitergeben und Aufteilen.

So wirkt der folgende Vers aus dem 145. Psalm beinahe grotesk: Du öffnest deine Hand und sättigst alles, was lebt, nach deinem Gefallen. (Vers 16) – Unermüdlich versorgt Gott seine Geschöpfe, auch wenn diese dann das Erhaltene in seltenen Fällen gerecht verteilen. Aber das paradoxe Gefühl entsteht an der Stelle, wo wir das Wohlgefallen Gottes mit unserem Haushalten verwechseln. Aber wenn wir nicht vergessen, dass Gott es ist, der seine Hand öffnet – aus seinem freien und gnädigen Willen heraus – dann kann Dankbarkeit in uns entstehen und (hoffentlich) die Entscheidung folgen, einen Beitrag zur gerechteren Verteilung der Ressourcen zu leisten.

Darum wollen wir als Gemeinde auch in diesem Jahr nicht in erster Linie an uns selbst denken, wenn wir am 7. Oktober das Erntedank-Opfer zusammenlegen: 60% werden wir weitergeben an Orte, wo es dringend gebraucht wird, um zur ersten Sättigung beizutragen. Wo Gott seine Hand öffnet, dürfen auch die Hände derer sich öffnen, die mehr als genug zum Leben haben.

Ich wünsche mir sehr, dass unsere Augen nicht nur auf die in Aussicht gestellte Speise schauen, sondern den Geber im Blick haben: unseren guten Vater im Himmel, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Er kümmert sie um die Versorgung und hat auch den richtigen Zeitpunkt im Blick. Denn er hat Gefallen daran, seine Hände für uns zu öffnen. – Ja, Gott versorgt uns. Er gibt reichlich. Ihm sei Dank dafür!

 

Gottes Segen im Herbst wünscht Dir

 

Pastor Daniel Meisinger