Impuls Dezember 2018

Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut (Matth. 2, 10)

Menschen sind unterwegs. Sie folgen ihren Träumen, sie lassen sich von ihrer Sehnsucht leiten. Sie sind aufgebrochen, irgendwo. Sie haben etwas gehört. Sie haben etwas gespürt. Sie haben eine Ahnung, mehr nicht. Eine Ahnung, dass es möglich sein könnte, ganz anders zu leben. Eine Ahnung, dass die Kriege enden. Dass die Erde schön würde. Dass die Menschen einander lieben und nicht hassen. Dass alles neu würde?

Diese Sehnsucht lässt sie aufbrechen. Sie wissen noch gar nicht, wohin sie gehen würden. Sie folgen einfach den Wegzeichen, die sie leiten.

Israel brach auf aus der Gefangenschaft. Ein gelobtes Land war ihr Wegweiser. Ein Land, in dem sie in Frieden und Freiheit leben könnten. Wo der Frondienst zu Ende wäre und sie von den Früchten des Landes und ihrer Hände Arbeit leben könnten. Am Tag leitet sie eine Wolkensäule und in der Nacht eine Feuersäule. Sie folgen ihrer Sehnsucht. Auch dann, als die Wegweiser sie mitten durchs Wasser und in die Wüste führen.

Die sogenannten Heiligen Drei Könige, von denen wir nicht genau wissen, wer sie waren und was ihre Besonderheit war – Sterndeuter – Wahrsager – Zukunftsforscher – Sinnsucher, sie brachen auf, um die Zukunft zu finden. Das Leben. Die Freiheit. Die Weite. Den Sinn. Sie brachen auf aus der Enge des Zweistromlandes, weil sie gehört hatten, dass ein Kind geboren war. Ein König? Auf jeden Fall etwas Besonderes. Hoffnung auf bessere, neue Zeiten.

Menschen fliehen vor den staubtrockenen Böden und den Stammeskriegen. Sie gehen nach Norden. Wo sie landen werden, wissen sie noch nicht. Sie haben nur gehört, dass es dort, über dem Meer, ein Land gibt, in dem es Arbeit gibt. Und Brot. Und Zukunft für sie und ihre Kinder. Sie müssen durch die Wüste gehen und durch das Wasser. Viele von ihnen schaffen es nicht. Sie verhungern. Ertrinken. Fallen üblen Banditen in die Hände. Obwohl sie auch diese Geschichten gehört haben, gehen sie. Klettern über den Grenzzaun, der Afrika von Europa trennt. Sie wissen um die Gefahr für Leib und Leben.

Was ist die Alternative? Für Israel war es das Bleiben in der Sklaverei. Für die Sinnsucher war es das Bleiben in den engen Grenzen der toten Gottheiten im Zweistromland. Für die Afrikaner lautet die Alternative: Tod. Keine Zukunft. Ende.

Eine Gemeinde bricht auf. Aus der Sicherheit des Gewohnten in die Unsicherheit des neuen Landes. Das Terrain kennen sie wohl. In Reutlingen und Umgebung sind sie schon lange unterwegs. Und trotzdem soll nicht nur das Gemeindehaus neu werden sondern auch die Gemeinde und die Menschen. Die Menschen sollen erfahren, dass im neuen Land alles neu werden kann. Und alles gut wird. Vor allen Dingen: die Menschen in der Gemeinde wollen neu denken und neu glauben lernen. Heraus aus dem gewohnten Trott. Aus den Mauern der Einsamkeit. Aus dem satten Einerlei. Hinein in das Abenteuerland der Nachfolge.

Als sie sich aufgemacht hatten, die Menschen, da gesellten sich zu den Träumen und Sehnsüchten nach einer besseren Welt die Zweifel. Was wäre, wenn sie in der Wüste umkommen würden? Was wäre, wenn sie von einem Irrlicht geleitet worden wären und sie im Nirgendwo enden würden? Was wäre, wenn sie im Mittelmeer jämmerlich ersaufen oder auf dem Grenzzaun verbluten würden? Was wäre, wenn uns die Puste ausgeht und wir den Neubau nicht stemmen und die Erneuerung der Gemeinde ein Hirngespinst bleiben würde?

Ach, wären wir doch nur bei den Fleischtöpfen Ägyptens geblieben! Unfrei, aber satt. Ach wären wir doch nur als geachtete Wissenschaftlicher in Mesopotamien geblieben! In der Enge, aber die gibt ja auch Sicherheit! Ach, wären wir nur in Somalia geblieben. Vielleicht hätten wir den Krieg überlebt und die Dürre hört irgendwann auf. Ach hätten wir nur unser altes Gemeindehaus ein bisschen renoviert! Wäre zwar eng und trostlos geblieben, aber wir hatten ja einander und es war kuschelig.

Und mitten hinein in diese trost-losen Gedanken knallt es hinein wie ein Feuerwerk: „Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut“. Weil sie gezeigt bekamen: Das Ziel lohnt den Weg. Das Ziel lohnt den Einsatz des Lebens. Der Stern – das war die Feuersäule und die Wolkensäule. Der Stern – das war das Zeichen für den Messias. Der Stern – das war die Grenzöffnung 2015 durch Angela Merkel. Der Stern – das ist der Beweis: Nicht wir sind unterwegs zu Gott – Gott ist unterwegs zu den Menschen. Nicht wir müssen ihn finden – er hat uns längst gefunden. Der Stern, das Kind in der Krippe, der Mann am Kreuz und der auferstandene Christus – er selbst ist der Beweis: Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns. Um uns als Leuchtspur Gottes den Weg zu zeigen. Wir dürfen folgen – in großem Vertrauen, dass am Ende des Regenbogens das gelobte Land liegt.

Kanaan – die neue Welt Gottes – ein Leben mit Perspektive und Zukunft – das Reich Gottes.

„Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut“. Ich wünsche uns allen erhobene Häupter, dass wir den Stern sehen und in die unbändige Freude hineingeführt werden, die Weihnachten uns bescheren will: Gott ist bei uns. Und die Zukunft ist aufgeschlossen. Auf ein gutes, gesegnetes neues Jahr, in dem wir den Spaten ansetzen werden und neues Land entdecken und erobern.

Gott segne uns alle.

Euer Pastor Günter Mahler

Impuls November 2018

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herab kommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!         Offenbarung 21, 2 + 5

Das Beste kommt zum Schluss

Fast ganz am Ende, im vorletzten Kapitel der Offenbarung, stehen sie, diese Verse für den Monat November. Wer die Offenbarung liest, weiß, dieser Stoff ist echt schwer verdauliche Kost, wie man so allgemein sagt.Jemand hat mal gemeint,  die Kapital 4 – 20 hätte man auch weglassen können, die Kapitel 1 – 3 und 21 und 22 hätten gereicht und, offen gesprochen, habe ich mich auch schon bei dem Gedanken ertappt.Nun wissen wir aber alle, dass Gottes Wort ohne Fehler ist und weder etwas hinzugefügt, noch weggelassen werden soll. Ganz sicher hat sich unser liebender Vater etwas dabei gedacht, diese anderen Kapitel auch noch mit in die Bibel aufzunehmen.Insbesondere diese letzten beiden Kapitel der Offenbarung, die den Abschluss bilden im Neuen Testament, sind ein ganz besonderer Schatz.In den Kapiteln zuvor geht es um Anfechtungen, Gerichte und Katastrophen, aber dann am Schluss beschreibt Johannes, was da noch alles kommen wird und das haut einen wirklich um.

Siehe, ich mache alles neu… heißt es in den nächsten Versen, es wird also nichts korrigiert oder verbessert, nein hier geht es um eine echte Neuschöpfung. Diese Erde hier, auf der wir leben, wird vergehen. Aufhören zu existieren. Sie ist dann Vergangenheit.Ich glaube, dass muss uns klar sein. Gott macht diese Erde nicht einfach hier und da ein wenig besser und verbannt das, was nicht passt, wie Hunger, Krankheit, Krieg und Leid und so weiter und lässt sonst aber alles wie es war.  „Alles neu“ lässt für das Alte keinen Platz mehr. Ich persönlich finde unsere Erde schön und staune täglich über die Schönheit der Natur, über all die Wunder der Schöpfung. Wird das dann wirklich alles nicht mehr sein? Ich denke ja, denn  „Alles neu“….. bedeutet nun mal nicht, das wir weiter durch unser schönes Reutlingen spazieren werden…. in dem dann halt, im Gegensatz zu vorher, dann jetzt alles noch viel schöner, besser, herrlicher sein wird. Nein …. das wäre dann doch wohl irgendwie zu wenig.

Was bedeutet es für uns als Christen, dass das Beste zum Schluss kommt – wie leben wir mit dieser Erwartung, dass alles neu sein wird?

Mein Leben hier ist gut. Diesen Satz würde ich absolut unterschreiben. Klar, es gibt Dinge, die ich nicht gut finde. Die mir nicht gefallen. Es gibt Sachen, die regen mich auf, die machen mir Kopfschmerzen. Aber alles in allem geht es mir gut. Ich leide keine Not, ich kenne echte Not überhaupt nicht. Und ich muss mir bewusst sein, dass ich damit global betrachtet und auch auf alle Zeiten gesehen, zur absoluten Ausnahme gehöre. Zum menschlichen Leben gehört Leid dazu. Hunger, Durst, Kälte, Krankheiten und manchmal auch ein viel zu früher Tod. Das ist weltweit so und das war zu fast allen Zeiten so. Und wenn man unter diesen Rahmenbedingungen aufwächst und leben muss, dann ist der Himmel eine sehr schöne Aussicht. Dann ist es verlockend, sich selber und andere auf das zu vertrösten, was da noch kommt. Das Beste kommt zum Schluss. Auch wenn es auf dieser Welt tatsächlich viel Leid und Schmerz gibt, einmal wird doch etwas  anderes kommen. Auf diese Perspektive kann man hin leben, aus dieser Perspektive lässt sich so manches besser ertragen. Manchmal hört man Leute sagen: „Ich brauche diese Perspektive nicht, besser muss es gar nicht werden. Es ist so gut, so wie es ist. Den Himmel – brauche ich nicht!“ Tief im Innern jedoch spüren solche Menschen aber auch, dass sich das durchaus ändern kann. Wenn einen der Körper im Stich lässt, wenn Lebensentwürfe scheitern, wenn Leid auf irgendeine andere Art in das Leben kommt.Aber auch jetzt – für uns sehr privilegierte Mitteleuropäer gilt: Das Beste kommt zum Schluss. Auch uns tut diese Perspektive gut. Weil sie uns entspannt. Weil wir nicht hier auf dieser Welt alles für uns geregelt bekommen müssen. Weil wir auch Enttäuschungen, Mangel, Begrenzungen besser ertragen können, weil wir wissen, dass da die Ewigkeit auf uns zu kommt, die Dinge für uns bereit hält, die wir kaum ermessen können. Wird es einen neuen Himmel und eine neue Erde geben? Wir glauben daran. Hoffnung ist die Kraft an etwas zu glauben, dass man nicht sieht. Wir sehen den neuen Himmel unter uns noch nicht. Gott ist da, wo unsere Gedanken und Gebete zur Quelle der Kraft in diesem Leben geworden sind.  Hoffnung ist wie das Bild der Offenbarung vom neuen Himmel und der neuen Erde, schon eine Erfahrung von Kraft in der Gegenwart. Diese Hoffnung gibt uns die Kraft und den Mut, unseren Lebensweg in unserer Welt zu gehen. Wir sehen über die negativen Zukunftsperspektiven hinaus. Wir lassen uns von den negativen Schlagzeilen des Augenblicks nicht erdrücken.

Wir sind Menschen mit einer großen Hoffnung.  Wir leben aus dieser Hoffnung und blicken auf unseren Herrn, der alles in seiner Hand hat und einmal alles neu machen wird.

Hartmut Schilitz

 

Impuls Oktober 2018

Aller Augen warten auf dich, Herr, und die gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. 

Psalm 145, 15

 

Ja, Gott versorgt uns. Er gibt reichlich, und hoffentlich danken wir ihm nicht nur einmal im Jahr dafür. Obwohl gelegentlich Frost zur Unzeit oder zu viel Hitze den Landwirten und Selbstversorgern einen Strich durch die Rechnung machen, haben die Wenigsten in unseren Breiten wirklich Mangel zu leiden. Ich denke an die Pfandflaschensammlerin, die mir neulich in der Pomologie begegnet ist. Trotz mickriger Witwenrente und ohne Aussicht auf eine wesentliche Verbesserung ihrer Lebensumstände strahlte sie Willensstärke und Zuversicht aus: Immer auf der Suche nach neuen „Schätzen“, die zwar ihren Stand in der Gesellschaft nicht verändern, aber ihre Versorgung sichern. Zumindest für den je aktuellen Tag findet sie immer genug, um zu überleben. Das ist die erste, grundsätzliche Sättigung.

Mich fasziniert der Gedanke, dass der Psalm nicht vom Überfluss und vom Ansparen spricht, sondern von der Speise zur rechten Zeit. Das klingt nach Ernährungsplan oder Fütterungszeit, auf die man keinen Einfluss hat. Soziale Unterschiede und globale Ungerechtigkeit sind davon unbetroffen: Der Herr versorgt seine Geschöpfe und hat dafür ein fantastisches System namens „Natur“ eingerichtet. Obwohl die Geschöpfe (v.a. wir Menschen) mehr oder weniger in deren Abläufe und Produkte eingreifen (Stichwort: Genmanipulation bei Nutzpflanzen), darf man nicht vergessen, dass der Schöpfer für die Grundidee verantwortlich ist: Der Kreislauf des Lebens geht auf IHN zurück. Deswegen sind es wirklich alle Augen, die auf ihn warten: ob er Gedeihen schenkt oder nicht; ob Fortpflanzung und Vermehrung gelingen oder nicht; und das Staunen über sich selbst erneuernde Ressourcen. Davor seine Augen zu verschließen, bedeuetet, die Augen vor Gott zu verschließen.

Wie wir als Geschöpfe untereinander diese Speise aufteilen und wie sie miteinander umgehen, liegt in unserer Verantwortung. Globale Gerechtigkeit und soziale Strukturen spielen eine Rolle, und leider kriegen die starken und schnellen Geschöpfe, die eine günstige Ausgangsposition und Zugriff auf die Ressourcen haben, davon weniger mit als alle anderen. Sie denken nach ihrer Grundversorgung als nächstes an die 2. Sättigung, an das Sammeln und Sparen, und nicht so sehr an Weitergeben und Aufteilen.

So wirkt der folgende Vers aus dem 145. Psalm beinahe grotesk: Du öffnest deine Hand und sättigst alles, was lebt, nach deinem Gefallen. (Vers 16) – Unermüdlich versorgt Gott seine Geschöpfe, auch wenn diese dann das Erhaltene in seltenen Fällen gerecht verteilen. Aber das paradoxe Gefühl entsteht an der Stelle, wo wir das Wohlgefallen Gottes mit unserem Haushalten verwechseln. Aber wenn wir nicht vergessen, dass Gott es ist, der seine Hand öffnet – aus seinem freien und gnädigen Willen heraus – dann kann Dankbarkeit in uns entstehen und (hoffentlich) die Entscheidung folgen, einen Beitrag zur gerechteren Verteilung der Ressourcen zu leisten.

Darum wollen wir als Gemeinde auch in diesem Jahr nicht in erster Linie an uns selbst denken, wenn wir am 7. Oktober das Erntedank-Opfer zusammenlegen: 60% werden wir weitergeben an Orte, wo es dringend gebraucht wird, um zur ersten Sättigung beizutragen. Wo Gott seine Hand öffnet, dürfen auch die Hände derer sich öffnen, die mehr als genug zum Leben haben.

Ich wünsche mir sehr, dass unsere Augen nicht nur auf die in Aussicht gestellte Speise schauen, sondern den Geber im Blick haben: unseren guten Vater im Himmel, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Er kümmert sie um die Versorgung und hat auch den richtigen Zeitpunkt im Blick. Denn er hat Gefallen daran, seine Hände für uns zu öffnen. – Ja, Gott versorgt uns. Er gibt reichlich. Ihm sei Dank dafür!

 

Gottes Segen im Herbst wünscht Dir

 

Pastor Daniel Meisinger

 

Impuls August/September 2018

Monatsspruch August:

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

  1. Johannesbrief, Kapitel 4, Vers 16

Monatsspruch September:

Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Kohelet 4, 11

Liebe Gemeinde,

dieses Mosaik geht über 2 Monate und so gibt es zwei Monatssprüche – zwei wunderbare Worte aus der Bibel, bei denen es sich wirklich lohnt, sie in ihrem Kontext zu lesen! Und: diese beiden Worte, die aus unterschiedlichen Epochen stammen und ganz unterschiedlichen Situationen entsprangen, haben etwas miteinander zu tun.Für mich war es in den letzten Jahren immer wieder faszinierend, gewerkschaftliche Seminare zu Themen des Betriebsverfassungsrechts zu halten. Im gewerkschaftlichen Rahmen sind Christen nicht allzu häufig anzutreffen. Um so erstaunlicher, dass fast an jedem Seminar Abend die Sprache auf Gott kam. Großes Staunen – der Referent gehört zu den Frommen! Und gerade die Kolleginnen oder Kollegen, die vehement Gott leugneten, kamen immer wieder auf ihn zu sprechen. Eine wunderbare Gelegenheit Zeugnis von IHM und seiner Liebe abzulegen.

Der ehrenamtliche Richterkollege von der Arbeitgeberseite fragte mich nach meiner Vereidigung, wie ein moderner Mensch denn immer noch die religiöse Eidesformel sprechen könne „so wahr mir Gott helfe“. Ich habe ihm erklärt, dass ich als Christ die Verantwortung im Richteramt sehr ernst nehme und Gottes Hilfe vor jedem Verhandlungstag erbitte. „Dass es so etwas noch gibt, hätte ich nicht gedacht. Ich habe keinen Glauben, aber das beeindruckt mich und macht mich nachdenklich.“

Der Anruf kam überraschend: „Sag mal, hast Du am Sonntag frei? Würdest Du mit mir zum Motorradfahrergottesdienst fahren? Ich möchte da gerne noch einmal hin!“ Mein Kollege hatte mir erzählt, dass er mit Gott und Kirche so gar nichts anfangen könne. Letztes Jahr war er dann zum ersten Mal mitgefahren „weil ich mir das anschauen muss!“ Ja und dann hat er sich nach dem Gottesdienst eine „Bikerbibel“ gekauft, in der er regelmäßig liest. In einem Nebensatz begründet Kohelet (der Prediger) die tiefe Sehnsucht des Menschen nach Gott: „auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt“. Der vergängliche Mensch hat etwas in seinem Herzen, das aus der Dimension Gottes stammt – die Ewigkeit. Und diese Ewigkeit lässt ihm keine Ruhe. Sie bringt ihn immer wieder dazu, nach dem zu suchen, der ewig ist. Kohelet beschreibt, was der Mensch nicht begreifen kann: alles hat seine Zeit (wir kennen die Aufzählung – wenn nicht, lohnt es sich diese nachzulesen!). Alles hat Gott für den Menschen wunderbar gemacht – nur dieser sterbliche, vergängliche Mensch kann das Werk des ewigen Gottes nicht verstehen. Kennen wir das als Christen nicht auch, wenn wir lasch werden, wenn wir Gott den guten alten Mann sein lassen, der eigentlich nichts mit uns und unserem Leben zu tun hat?    Oder wenn unsere Beziehung zu Jesus an einem Tiefpunkt angelangt ist. Werden wir dann nicht von unserem Herz auf die Suche geschickt? Was verbindet uns denn mit diesem Gott? Die Antwort aus dem 1. Johannesbrief lautet: die Liebe!

„Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Die Liebe ist die Verbindung zu Gott, dem Ewigen. Der Kirchenvater Augustinus formulierte es so: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in DIR.“ Wer die Liebe Gottes annimmt und in seinem Leben behält, dessen Herz hat Ruhe gefunden in der Ewigkeit, die in unsere Zeit hinein strahlt. Ferien, Urlaub, Freizeit – Zeit, der Sehnsucht unseres Herzens nach der Ewigkeit Raum zu geben. Damit wir mit Gottes Liebe und mit einer festen Verbindung zu seiner Ewigkeit unseren Alltag in Schule, Beruf, oder in welcher Lebenssituation wir auch immer sind, bewältigen können.

Joachim Schenk

 

Impuls Juli 2018

Monatslosung Juli 2018

„Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maß der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN  zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt!“ Hosea 10, 12

„Das ist aber ungerecht, ich habe den ganzen Tag gearbeitet und bekomme den gleichen Lohn wie jener, der mal ‘ne schlappe Stunde gewerkelt hat!“ Da denken wir genauso wie die Arbeiter in der Gleichniserzählung Jesu. Möchte euch ein wenig teilhaben lassen, was mir alles so durch den Sinn ging mit diesem Text.

Was ist Gerechtigkeit, mag frau/man sich fragen in Anlehnung an Pilatus‘ Satz: „Was ist Wahrheit?“ als er Jesus im Verhör nach seinem Reich und seiner Königswürde befragte. Sprach‘s und ging hinaus zum Volk, weigerte sich ein Urteil zu fällen, wo er doch keine Schuld an Jesus gefunden hatte. Er überließ es den Leuten, dem bereits rasenden Mob, die Entscheidung über Tod und Leben Jesu zu treffen. Er hat sich auch geweigert in Beziehung zu Jesus zu treten. Er konnte nicht begreifen, dass Jesus die Beziehung zu Gott neu ermöglichte: Jesu Wahrheit ist es, den barmherzigen, liebenden Vater zu bezeugen. Kann man Wahrheit auf Ehrlichkeit reduzieren? Nein, aber sie ist ein Teil davon. In erster Linie geht es biblisch um das Bezeugen des barmherzigen, liebenden und lebendigen Gottes. Seine Versöhnung mit uns Menschen. Der Geist der Wahrheit erschließt uns diese Liebes- und Lebenswirklichkeit. Eine neue Beziehungsgeschichte wird real zwischen dem lebendigen Gott und dir/mir. Kehren wir zurück zu unserem Ausgangstext mit der Aufforderung Gerechtigkeit zu säen. Im Alten Testament wird Gerechtigkeit grundsätzlich weniger als juristischer Begriff verwendet; eine ausgleichende Gerechtigkeit: hier Verfehlung – da entsprechende Strafe. Was Gott will und wollte ist „Ich möchte mit euch in eine persönliche, liebevolle Beziehung treten.“ So verstanden ist Gerechtigkeit immer eine „Beziehungsgerechtigkeit“, eine rechte Beziehung. Damit ließe sich unser obiger Hosea  – Text  so schreiben:

„Kümmert euch um gute Beziehungen (untereinander) und fragt nicht danach, was ihr dabei gewinnt! (Die Liebe fragt nicht nach sich, ist nicht eitel,…..) Seid immer wieder diejenigen, die zuerst anfangen – ohne Vorleistungen der anderen.“ Wie geht das? Ich schaff es nicht. Manchmal vielleicht. „Suchet den Herrn“ will heißen, lasst euch beschenken. Von IHM beschenken lassen, das schafft immer wieder neue  Beziehung zu IHM, zu sich selber und zum anderen. Und eines Tages wird das Beziehungschaos aufhören, wenn ER gesunde und lebendige Beziehungen wie Starkregen ausschütten wird.

Bis dahin sind wir gemeinsam unterwegs. Eine frohe und beziehungsreiche Ferienzeit wünsche ich euch allen.

Euer Peter Knobloch

Impuls Juni 2018

Gastfreundschaft für den Weltfrieden

Als der Tübinger katholische Theologe Hans Küng sein Projekt „Weltethos“ Ende des vergangenen Jahrhunderts ins Leben rief, habe ich ein interessantes Projekt als Journalist begleitet. Der Weltethos mietete in den österreichischen Alpen drei Berghütten: für junge Juden eine, für junge Muslime eine und für junge Christen eine. Am Vorabend des Schabbat fackelten die jüdischen Jugendlichen unglücklicherweise ihre Hütte ab. Es stellte sich die Frage: Wohin gehen sie und bitten um Asyl? Was vermutet ihr? Sie gingen in der Tat nicht zu den Christen, sondern zum aktuellen Erzfeind, den Muslimen. Begründung: Bei den Christen müssen wir erst langwierige theologische und ideologische Diskussionen absolvieren, bevor wir miteinander essen.Bei den sprichwörtlich gastfreundlichen Muslimen werden wir zuerst miteinander essen und trinken. „Vergesst die Gastfreundschaft nicht…“ mahnt uns der Schreiber des Hebräerbriefes.

Das trifft mich hart. Zumal in der heutigen Zeit, in der auch die Baptistengemeinden ihr vornehmstes Privileg immer mehr vernachlässigen. Früher haben wir wie selbstverständlich unsere Häuser geöffnet für Gäste und auch für Fremde. Jesus ist in die Häuser gegangen und hat mit den unterschiedlichsten Sündern und denen, die sich für Gerechte hielten, gegessen und getrunken und er hat sich so den zweifelhaften Rufs eines Fressers und Weinsäufers eingehandelt.

Aber das war es ihm wert, weil er wusste, dass es schon immer eine „Theologie des gemeinsamen Essens“ gab, die schließlich im Liebes- und Abendmahl mündete. „Engel beherbergt?“ Wer von uns hat das schon? Ganz viele – nur sie wussten es oft nicht! Engel sind in der Regel inkognito unterwegs. Zum Engel sind mir schon sehr viele Gäste geworden, die an unserem Esstisch (max. 12 Personen, wenn’s nicht reicht, wird angebaut…) Platz genommen haben. Und richtig kräftig gegessen und getrunken haben. Tischgemeinschaft als Grundlage für geistig-geistliche Gemeinschaft über alle religiösen, gesellschaftlichen und kulturellen Grenzen hinweg.

Früher bin ich in keine Gemeinde als Gast gekommen, ohne dass eine oder mehrere Einladungen zum Mittagessen rausgesprungen sind. In den letzten Jahren saß ich häufig allein in einem Restaurant und habe alleine vor mich hingemümmelt (hat natürlich nichts mit Reutlingen zu tun!)

Undenkbar wäre das gewesen in einer Baptistengemeinde der 60iger und 70iger Jahre. Merkt ihr was? Wir sind gerade dabei, unser Tafelsilber zu verschleudern, in dem wir die Individualisierung der Gesellschaft in unsere Häuser haben einziehen lassen. Gemeinde und Gemeindefamilie sind aber nie „My-Home-is-my-Castle“ – Bewegungen sondern die Gemeinschaft derer, die sich um den Tisch des Herrn versammeln. Und um die Tische derer, die ihm, dem gastfreundlichen und gastgebenden großzügigen Gott nachfolgen. In einer Zeit, in der die Welt zu Gast bei Freunden ist – nicht immer so romantisch wie bei der Sommermärchen-WM 2006 – sondern auf deutlich herausforderndere Weise – müssen wir den Hebräerbrief und alle Essensgeschichten der Bibel – neu buchstabieren. Denn jetzt sind es multikulturelle und multireligiöse Gäste, die gerne nicht nur in Erstaufnahmelagern sondern an unseren Tischen in der Gemeinde und in den Häusern Platz nehmen wollen. Ähnlich wie beim Weltethos in den österreichischen Alpen kann Gastfreundschaft und Tischgemeinschaft zum Weltfrieden beitragen.

„Und sie werden kommen von Norden und Süden, von Osten und Westen und zu Tisch liegen im Reich Gottes“. Unsere Güte, unsere Kochkunst, unseren Weinverstand und unser offenes Ohr und unsere offenen Herzen lassen wir kundwerden allen Menschen. Das wär‘s.

Guten Appetit, Prost und Amen.

Euer Pastor Günter Mahler