Impuls Dezember-Januar

Impuls Dezember-Januar

Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. (Jesaja 50:10)

Es ist schon genial organisiert, dass ein neues Kirchenjahr eingeläutet wird, rund einen Monat bevor das Kalenderjahr neue Ziffern erhält. Das vergewissert mich gerade rechtzeitig: Was auch immer die zwölf Monate 2020 bringen werden, an den Gnadenerweisen Gottes ändert sich nichts. Die großen Feste des Glaubens bleiben als Verheißungen bestehen, weil es seine Feste sind: Gott selbst kommt als Kind zur Welt (Weihnachten). Jesus Christus gibt sich zu unserer Erlösung hin (Karfreitag). Und weil der Tod noch nicht das Ende ist, schafft Gott in ihm neues Leben (Ostern). Sein Geist erfüllt uns (Pfingsten). – Gerade wenn die dunkle Jahreszeit mit aller Macht zuschlägt, schenkt dies eine neue Perspektive. Das Alte ist vergangen; siehe: Neues entsteht bereits (2. Korinther 5:17).

Dunkelheit ist nicht nur ein Naturphänomen, sondern auch die Realität, in der wir leben. Viele Fragen in Gesellschaft und Politik scheinen offen zu sein oder müssen wieder neu gestellt werden. Und unser persönliches „Schicksal“ setzt dem manchmal noch einen drauf. – Ich kann gut verstehen, wenn es dem ein oder anderen auf den Keks geht, dass dann auch noch in der Gemeinde (oder in diesem Artikel) von der Schwere des Lebens die Rede ist. Und nun setzt der Vers aus dem Buch Jesaja sogar noch einen drauf: In der düstersten aller Stimmungen, wenn kein Licht mehr leuchtet, soll es dennoch Hoffnung geben. Ist das überhaupt denkbar? Diese Frage ist vom Gebet Jesu am Kreuz geprägt: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Zitat aus Psalm 22) Aber hat Gott wirklich die ganze Schuld der Welt auf seinen Sohn gelegt, um sich dann von ihm abzuwenden? Ist es ihm doch zu viel geworden? – Es lohnt sich an dieser Stelle, den ganzen Psalm zu lesen, an den Jesus in dieser Stunde gedacht haben mag … Und sicher: Das Leid und die Sünde der ganzen Welt auf einmal zu tragen, fühlt sich bestimmt nach Gottverlassenheit an. Jedes Mal, wenn meine eigenen „kleinen“ Sünden aufs Gewissen drücken und dem Zweifel an Gottes Erbarmen Tür und Tor öffnen, kriege ich eine Ahnung davon: Wie kann Gott mir noch nahe sein?

Natürlich ist da das Evangelium, dessen wir uns regelmäßig vergewissern: Du bist geliebt. Jesus hat das Kreuz auch für dich getragen. Gott vergibt deine Schuld. Ich habe gelernt, diesen Worten zu glauben. Gemeinde und vertrauensvolle Beziehungen waren und sind gute Möglichkeiten – ich will sogar sagen: notwendige Instanzen –, um die Botschaft Jesu Christi immer wieder zu erfahren. Manchmal empfiehlt sich intensive Seelsorge, um auf der Spur zu bleiben; zumindest habe ich das als hilfreich erlebt. So kann die Dämmerung zwischen Dunkelheit und Licht einigermaßen gelassen durchschritten werden, und ich bekomme eine Orientierung oder wenigstens eine Hand, die mich hält.

Aber was, wenn alles wegbricht? Wenn mir ganz und gar der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Wenn Sätze wie: „Gott hilft; er schickt Rettung zur rechten Zeit“ wenig ausrichten, weil die aktuelle Erfahrung eine andere ist. Obwohl wir von den Zeugnissen unserer Glaubensgeschwister und den Erfahrungen der Psalmbeter hören: Gott greift tatsächlich ein; manchmal sieht man erst später, was er für einen Plan damit hatte … im Moment der Dunkelheit hilft mir diese Art Zuspruch meistens wenig. Ich möchte nämlich nicht vertröstet, sondern getröstet werden.

Jesaja lädt mich ein, den Glauben trotzdem nicht aufzugeben. Obwohl alles dagegen spricht, oder gerade weil alles dagegen spricht, kann ich mich an Gott hängen und wenigstens seinem Namen vertrauen. Um diesen Namen wird im 2. Mose 3:14 regelrecht ein Geheimnis gemacht. Im Judentum wird bis heute der Gottesnamen JHWH nicht ausgesprochen und aus lauter Ehrfurcht durch HERR ersetzt. Alle möglichen Übersetzungsversuche des Gottesnamens überspringe ich an dieser Stelle, denn im Wesentlichen lässt es sich darauf reduzieren: „Ich bin da.“ – Gott sagt nur dieses Eine über sich selbst aus: dass er da ist. Damals bei Mose in einem brennenden Dornbusch, der nicht verbrannte. Heute im glänzenden Licht der Zeugnisse von erfüllten Verheißungen und spürbarem Segen. Aber eben auch im Dunkel und in der Schwere des Lebens. Er ist da, mittendrin; er ist überall dabei – das war schon immer so und wird auch so bleiben.

Wenn die Anzeichen manchmal auch nicht sichtbar sind, dass Gott wirkt, weil im Zwielicht unseres Erlebens nicht ganz klar ist, was wir eigentlich glauben oder tun sollen, dann steht der Name Gottes doch felsenfest da. Er hält den Zweifel und die Furcht aus; es ist ihm nicht zu viel. Er wendet sich niemals von mir ab, ganz gleich, wie wenig ich auch von mir selber halten mag. Und dafür bürgt er mit seinem eigenen Namen: Ich bin da. Und mit Vers 23 ermutigt uns der bereits erwähnte Psalm 22, diesen Namen unter uns Glaubens-Geschwistern wach zu halten, darüber zu sprechen, wo Gott für dich und mich da ist und ihn in der Gemeinde dafür zu loben und zu ehren. Lasst uns mit reichlich Jubel über diesen Namen in das neue Kirchenjahr starten! Weihnachten ist der denkbar beste Anlass dazu: das Fest seines Daseins in der Welt, in deinem und meinem Leben.

Herzliche Grüße von

Pastor Daniel Meisinger

 

Impuls November

ICH WEISS DASS MEIN ERLÖSER LEBT       Hiob 19, 25a

Ich staune. Unbegreiflich denke ich. Ich steh da und verstehe nichts. Wie kann Hiob das sagen, nach all dem, was er an Leid erfahren hat. Nach all den Vorwürfen seiner Freunde, die ihm raten auf sich zu schauen, und nach den Ursachen des Leids und der Last und des Unheils bei sich zu suchen.

ICH WEISS, DASS MEIN ERLÖSER LEBT??

Es ist ein Weinen in der Welt,

als ob der liebe Gott gestorben wär,

und der bleierne Schatten, der niederfällt,

lastet grabesschwer.

Komm wir wollen uns näher verbergen.

Das Leben liegt in allen Herzen wie in Särgen.

Du! Wir wollen uns tief küssen.

Es pocht eine Sehnsucht in die Welt,

an der wir sterben müssen.

Else Lasker-Schüler (1869-1945), jüd. Dichterin

Diese Sätze sind mir manchmal näher. Last drückt. – Leid wird unerträglich. – Die Welt zerbricht, die große Welt und meine kleine Welt. Da ist nicht viel Hoffnung; und ich ziehe mich zurück. Diesen Ausweg gibt es noch, fragil und zerbrechlich zwar, aber es ist auszuhalten, manchmal sogar schön. Ich feiere die Gottesdienste. Sie bauen mich noch auf und tun mir gut. Ich hab noch meinen Hauskreis, meine Freunde, meine Familie, meine kleinen Rückzugsmöglichkeiten. – Und doch.

Da ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär…………..

Psalm 22a:  Mein GOTT, mein GOTT, warum hast du mich verlassen?

Davids Psalmgebet

Jesu Schrei am Kreuz

Nichts bleibt mehr – gar nichts.  Alles bricht zusammen. Es ist, als ob man nur noch fällt. Keiner mehr, der einen hält, niemand da – nicht einmal Gott?

Mein GOTT, mein GOTT warum hast du mich verlassen?

Es wird nicht berichtet, dass Jesus auf sein Schreien nach Gott eine Antwort erhalten hat.

Aber das ist sicher seit jenem Karfreitag und nach Ostern:

Gott verlässt nicht, nie. Er beantwortet unsere „Warum-Fragen“ nicht, dazu ist er nicht gekommen. In Jesus Christus ist er gekommen und sagt: “ich bin bei dir, ich bin für dich da, ich bin für dich. Ich bin bei dir bis ans Ende – versprochen:

Bis ans Ende deiner Begrenztheit

Bis ans Ende deiner Kraft

Bis ans Ende deines Lebens.

„Ich gehe mit“ sagt er – und er tut‘s.

Angelus Silesius (ein Mystiker aus dem Mittelalter) schreibt:

Das Kreuz von Golgatha, es kann dich nicht vom Bösen, wo es nicht in dir aufgerichtet wird, erlösen.

Das Kreuz wird aufgerichtet  – Gott tut`s in Jesus Christus. Dafür war und ist und bleibt er allein verantwortlich. Und noch eins:

Aus der Passionsgeschichte:

– Danach schleppen sie Jesus in den Keller des Palastes. Binden ihn an eine Säule und peitschen ihn aus. Am Ende zerren sie einen zerschlagenen Menschen hoch und führen ihn vor, oben, vor der Menschenmenge und dem Statthalter. Der deutet auf ihn und sagt: „Seht euch den Menschen an!“ Vielleicht liegt in seinem Verweisen der Tonfall: „So etwas will ein Mensch sein!“, oder so ähnlich. Wir wissen es nicht. Und wir sehen die geschundene Gestalt des blutüberströmten Menschen. Wir vergleichen ihn mit den Phantasien und Traumbildern vom schönen, starken, jungen, gesunden, attraktiven Menschen, die heute wie eh und je geträumt werden. Aber das kannst du wissen: Der ewig gesunde und leistungsfähige, sein Glück genießende Mensch ist ein Traum. Und das andere auch: Alter, Schwäche, Krankheit, Leiden, Hilflosigkeit, Entstellung sind seit Jesus kein Fluch mehr. In all dem spiegelt sich der, der gesagt hat: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“  In Jesus ist es der verwundbare Mensch, der dem Bild des Menschen den stärkeren Ausdruck gibt. Seit Jesus brauchst du keinem Traumbild mehr zu entsprechen, sondern eher schon ihm, dem verwundeten Menschen. Seit Jesus wirst du keine Ruhe mehr finden darüber, dass rund um die Erde noch immer Menschen gepeitscht, gefoltert, entehrt und um ihr Menschentum gebracht werden – und kaum einer aufschreit, der es sieht. Denn sein Bild steht vor dir, und du kannst ihm nicht ausweichen.

Deshalb sei sicher: Gott verlässt dich nicht. Er sagt: Auch wenn du Angst hast, auch Todesangst hast, auch wenn du denkst ich wär gestorben, ich bleibe bei dir und gehe alle deine Wege mit – und manchmal, da trage ich dich.

 

Was uns bleibt ist zu bitten:

Vater unser im Himmel – Dein Reich komme – Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden  – unser tägliches Brot gib uns heute – und vergib uns unsere Schuld, wie auch wie vergeben unseren Schuldigern,  und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. – Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

ICH WEISS, DASS MEIN ERLÖSER LEBT!!

GOTT segne uns

achim eichel

Impuls Oktober

Liebe Gemeinde,

es ist sehr heiß. Die Sonne brennt und der Weg geht immer mal wieder steil bergauf. Trekking in Nepal kann ganz schön anstrengend sein. Ich bin ziemlich platt. Dabei hatte der Verkäufer mir versprochen, dass ich meinen neuen, leichten Hightech Rucksack  gar nicht spüren werde und quasi den Berg rauffliege. Aber ich spüre jedes Gramm und irgendwie habe ich den Trick mit dem Fliegen noch nicht raus.

In einem Dorf machen wir erschöpft Pause. Viele Kinder springen um uns herum. Wir verteilen ein paar Luftballons. Dann passiert das Unerwartete. Wir werden eingeladen zu einer Tasse Tee. Hat man uns das angesehen, dass wir so k.o. sind? Als wir weiterziehen wollen, gibt es Proteste der Dorfbewohner. Sie haben gerade Dalbat (Reis mit einer Linsensoße) gekocht.  Das müssen wir unbedingt probieren. Wir in unseren Hightech Klamotten, etwas platt, aber wohl genährt. Sie, trotz ihrer Armut, teilen das Wenige was sie haben mit uns, denn wir sind ja ihre Gäste.

Mich hat diese Gastfreundschaft sehr bewegt und nachdenklich gemacht. Als ich den Vers für den  Monat Oktober gelesen habe, fiel mir diese Geschichte wieder ein. „Hast du wenig so gib auch das wenige mit treuem Herzen“. Die Menschen in Nepal hatten nicht viel. Das Wenige teilten sie mit Leuten, die sie nicht kannten, die aber scheinbar Durst und Hunger hatten.

Es gibt sie auch, die anderen Beispiele. Menschen die viel, sehr viel Geld haben, geben von ihrem Reichtum ab. Sie gründen Stiftungen und sorgen so dafür, dass arme Menschen Bildung erhalten oder kostenlos zum Arzt gehen können. Oft werden Millionen Euro oder Dollar in solche Projekte gesteckt. Die Motivation mag unterschiedlich sein. Solange die Hilfe ankommt, ist es egal. Manchmal ist es Dankbarkeit. Conny Mahler und ihre Schwester Monika mit ihren Ehemännern haben aus solch einem Grund die Stiftung Eudim gegründet. Damit unterstützen sie Projekte, die das Ziel haben, anderen Menschen in Not zu helfen. Wer viel hat, kann viel geben. Aber auch wer wenig hat, kann etwas dazu beitragen, dass anderen Menschen geholfen wird.

Sie sind in Jerusalem und stehen vor dem Tempel, Jesus und seine Jünger. Viele Menschen spenden Geld und die Reichen besonders viel. Die arme alte Frau, die nur wenig gibt, wird von Jesus gelobt. Weil sie von dem Wenigen, was sie besitzt, alles gibt. Am Ende des Tages hat man wahrscheinlich beim Geld zählen gar nicht gemerkt, dass sie was gab. Aber Jesus hat ihre Haltung, ihre Einstellung gesehen.

Es kommt also nicht darauf an, wieviel man gibt. Es kommt auch nicht darauf an, was man gibt. Klar, mit Geld kann man viel Gutes tun. Wenn viele wenig geben, ist das oft auch eine Menge. Aber es geht auch anders z.Bsp. dem Anderen Zeit schenken. Für die Nachbarin, die schlecht laufen kann, einkaufen gehen. Menschen zum Essen einladen, es muss kein 4-Gänge Menü sein. Zeit schenken mit zuhören, spazieren gehen, für einander beten und … Es gibt so viele Möglichkeiten, Gutes zu tun. Immer nach den Gaben, die man hat.

Natürlich kann man den Einwand erheben: Wenn ich reich bin, kann ich gerne was geben, mir bleibt ja noch genug zum Leben. Wenn ich aber sehr wenig habe, was soll ich denn da noch abgeben? Ich brauche doch selber was zum Leben. Aber das ist nicht Aussage dieses Textes. Sondern egal in welcher Situation wir sind, auch den Blick für den anderen haben.

Übrigens, wer sich jetzt die ganze Zeit gefragt hat, wo finde ich eigentlich das Buch Tobias in meiner Bibel. Naja, man muss schon die erweiterte Form der Bibel besitzen. Das Buch Tobias steht in den Apokryphen. Es handelt von einem frommen Mann, der mit seinem Reichtum anderen Menschen half. Als er wie viele Israeliten in Gefangenschaft kam und arm wurde, motivierte er seine Leidensgenossen und half mit dem Wenigen, was er hatte. Zurück in der Heimat will sein Sohn auf Wanderschaft gehen. Ihm sagt er diesen Satz. Auch der Sohn hält sich dran und wird gottesfürchtig und gibt, wo immer er kann.

Der Monatsspruch ist eine Motivation, im Auftrag Gottes Hilfebedürftige zu unterstützen mit den Möglichkeiten, die wir haben. „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht da Herz an“. Das sagt Gott. Er wird mich bei meinem Geben segnen. Gott stresst nicht, dass wir eine bestimmte Summe geben müssen, das wir bestimmte Hilfen erbringen müssen. Wenn wir helfen und andere unterstützen, sollen wir das von ganzem Herzen tun ohne Hintergedanken, welchen Vorteil habe ich dabei.

Am Ende unserer Trekkingtour haben wir als Gruppe beschlossen, dass wir in Nepal mitten in den Bergen eine Schule bauen werden. Wir hatten in dem Moment keinen Plan, wie wir das finanzieren könnten. Jeder gibt, was er kann, war die Devise. Mit vielen kreativen Ideen haben wir es geschafft, den Kindern in dieser Region die Chance auf Schulbildung zu geben. Vier Jahre später stand die Schule.

 

M. Schütze

 

 

Impuls Juni 2019

Freundliche Reden sind wie Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder. Sprüche 16, 24

Was um alles in der Welt ist „Honigseim“? Honigseim ist ungeläuterter Honig, wie er aus der Bienenwabe abfließt. Also pappsüß, würde ich mal sagen. Und ich frage mich, warum die Herrnhuter ausgerechnet zum Tag meines Dienstendes als Verkündiger des Evangeliums diesen Spruch ausgelost haben. Meine letzte Predigt in Reutlingen am 26. Mai war überschrieben mit dem Motto „Mein Wort kommt nicht leer zurück“. Als ich dieses Thema vor langer Zeit als Schlusspunkt und „Finale Furioso“ meines Dienstes ausgesucht habe, ahnte ich nichts von der Herrnhuter Lostrommel. Und mich erschreckt dieser Spruch der Monatslosung. Denn er klingt nach „Schleimer“, „Hof-berichterstatter“, „Gefälligkeitsver-kündiger“. Und wenn ich eines nicht sein wollte als Journalist und Verkündiger des Evangeliums von Jesus Christus, dann war es eben dies: Anbiederer, der sich von seiner Gabe der Wortgewandtheit Vorteile verspricht. Also begebe ich mich in die Fundgrube der Schrift und finde ein anderes Bruchstück, das mir weit besser gefällt: Eure Rede sei stets gefällig, mit Salz gewürzt, damit ihr wisst, wie ihr jedem zu antworten habt“ (Kolosser 4, 6).

Gefällig kann man schon mit freundlich übersetzen. Süß für die Seele – solche Worte tun wohl. Wenn das Salz dazu kommt, dann ist die Rede auch heilsam. Allerdings ist die heilende Wirkung von Salz nicht ganz schmerzfrei. Wobei wir wieder bei den Bienen wären. Wenn ich als Kind von einer Biene gestochen wurde, saugte meine Mutter den Stich aus (um das Gift rauszuziehen) und streute Salz auf den Einstich. Das brannte. Und heilte.

Wenn ich in den knapp 39 Jahren meines Dienstes als Pastor und Journalist also Honigseim und Salz verteilt habe, dann habe ich es im Vertrauen auf Gott getan, der mir – falls ich auf ihn gehört habe – die richtige Dosierung mitgegeben hat. Sein Wort in meinem Mund sollte trösten, aus- und aufrichten, aufrütteln, manchmal wohl- und manchmal weh tun. Ob mir das gelungen ist, das mögen andere beurteilen. Ich erinnere mich an einen Stoßseufzer meiner Mutter, da war ich noch ziemlich jung und hatte damals schon eine große Klappe. Ich (Jesus) sage euch aber, dass die Menschen müssen Rechenschaft geben am Jüngsten Gericht von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben.“ Meine Mutter zitierte Matthäus 12, 36 und meinte, dass das Jüngste Gericht für ihren Günter sich wohl ganz schön in die Länge ziehen würde… Als „Berufsschwätzer“ habe ich mich gerne selbst bezeichnet und dabei immer gehofft, dass wenigstens manche meiner Worte das ausgerichtet haben, wozu Gott sie mir in Herz und Sinn gegeben hat. Dankbar war ich stets für Rückmeldungen, dass es punktuell gelungen ist. In Leserbriefen, Hörer-Rückmeldungen und Feedbacks nach Predigten kam das vor. Und ich sage ausdrücklich: die ärgerlichen Hörer und Leser waren für mich die Wichtigeren. Weil sie offensichtlich von meinen (und damit auch zuweilen von Gottes) Worten getroffen worden sind. So lege ich zwar nicht getrost – aber zumindest getröstet – meinen Dienstauftrag zurück in Gottes Hände. Ich bin nur der Sämann. „Wachsen und gedeihen steht in des Herren Hand“. Danke, dass ihr mich drei Jahre lang geliebt, manchmal ertragen aber doch stets getragen habt – mit Euren Gebeten. Sie haben mich in Predigtvorbereitung und auf der Kanzel umgeben und ich habe es gespürt. Macht weiter so, betet für Daniel Meisinger, für den oder die neue Kollegen/in – wir haben das bitter nötig. Und dann habe ich mit meinen Worten auch noch Geld verdient, habe meine Begabung zum Beruf gemacht. Und der Auftrag, in Gottes Namen zu reden, war mir Berufung.

„Ich weiß gar nicht, lieber Pastor, wie ich Ihnen für ihre Predigt danken soll!“ „Ooch“, meint der Mann Gottes, „seit die alten Phönizier das Geld erfunden haben, gibt es dafür eine hervorragende Möglichkeit.“

Ich danke Euch für drei wunderbare, nicht immer leichte Jahre in Eurer Gemeinschaft. Was leicht ist, ist oft auch nichts wert. Honig und Salz – beides haben wir miteinander geteilt. Ich habe nur einen Wunsch: geht miteinander auch in Zukunft genau so um: „Eure Rede sei stets gefällig, mit Salz gewürzt, damit ihr wisst, wie ihr jedem zu antworten habt“. Süß für die Seele und heilsam für die Glieder. Gott segne Euch! Wir bleiben in der Gemeinschaft unseres Herrn Jesus Christus verbunden!

Euer Günter Mahler

 

Impuls Mai 2019

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt.

Hin und her, raus und wieder rein, hoch und runter, kreuz und quer – mal schnell oder langsam, mal mehr oder weniger gestresst – aber immer auf Achse, oftmals unter Druck – die seltenen Ruhephasen kaum genießbar…

Viele Menschen erleben den Alltag als Getriebene der Umstände und Verpflichtungen, aus denen es kein Entrinnen gibt: Eltern kutschieren ihre Kinder von A nach B, schauen, dass alle schön sauber und anständig daherkommen und gut in der Schule sind. – Arbeitnehmer müssen ihre Aufgaben erledigen, oft mit Termindruck und Konkurrenzgebahren der Kollegen. – Leute in Verantwortung geben sich Mühe, die Balance zwischen Effektivität und Menschlichkeit zu halten, zumindest hoffe ich das.

Mir geht das auch manchmal so oder so ähnlich. Das ein oder andere Mal habe ich mich schon bei einem Gebet ertappt: „Gott, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für ein Wunder!“ Und selbst wenn ich es dann erleben darf, wird selten der Druck insgesamt weggenommen, der Streßpegel steigt einfach wieder an, der Alltag reißt mich mit: Der Vater sorgt sich um die Familie, der Arbeiter müht sich um die Aufgaben, der Verantwortliche zerbricht sich den Kopf. Alle haben gemeinsam, dass sie vieles gleichzeitig jonglieren müssen, dabei noch nett aussehen und liebevoll mit ihren Mitmenschen umgehen. Die junge Generation sieht das und sagt: „Das werden wir alles anders machen!“ – Und die Alten haben gut reden: „Das hochtechnisierte Zeitalter hat Schuld daran!“ – Und die dazwischen keuchen: „Lass uns später darüber sprechen, ich habe grad keine Zeit!“

Zeit. Ein gutes Stichwort. Während die Zeit nämlich schnell und schneller dahinzufliegen scheint, kostet es einen Jeden von uns immer mehr Mühe, den einzelnen Moment abzupassen, der so einzigartig ist, dass kein Foto, kein Protokoll und keine Zeitlupe dieser Welt ihn einfangen kann: das Jetzt. Ein Anblick, ein Geruch, eine Berührung, ein Geräusch, ein Wort… kann nur JETZT erlebt werden; später kann ich mich bestenfalls daran erinnern. Aber der Moment, in dem ich es erlebt habe, bleibt einzigartig. In jenem Moment bin ich einfach nur ich selbst. Keine Rolle, die ich innehabe, keine Aufgabe, keine Verantwortung kann mir diesen Moment stehlen, wenn er sich ereignet. Die Zeit steht still. Der Fokus wird scharfgestellt. Die Seele ist bereit. – Durch die vielen Verpflichtungen und Umstände meines Lebens will ich instinktiv diesen Moment interpretieren: „Was bedeutet das für mich als Vater, als pflichtbewusster Mensch?“ Stimmen, die sich Gehör verschaffen, aber nur eine eingeschränkte Sicht auf das haben, was ich gerade erlebe.

Im 2. Samuel-Buch (Kapitel 7) betet der große König David zu Gott, seinem Herrn. Und obwohl die Zeiten anders waren, die Technik weniger ausgereift, der Stress auf einem anderen Niveau, hat David Worte gefunden, die aus seiner Situation ganz wunderbar bis in unsere Zeit hineinwirken können. – Nachdem er die 12 Stämme Israels geeint, die Hauptstadt Jerusalem gegründet, die Bundeslade dorthin geschafft und die Landesgrenzen erheblich erweitert hatte, hält er in einem ganz besonderen Moment inne und hört zuallererst auf Gott. Und dann betet er aus all seinen Rollen heraus, die er im Laufe seines stressigen Alltags innegehabt hat. Als Elternteil fragt er: „Wer bin ich, Gott, mein Herr, und was ist meine Familie, dass du mich so weit gebracht hast?“ (Vers 18. b) – Als Diener Gottes bekennt er: „Du kennst mich genau, Gott, mein Herr. Weil du es zugesagt hast und weil es dein Wille war, hast du all dies Große getan und es mich erkennen lassen.“ (Verse 20 – 21) – Und als Verantwortlicher fragt er: „Welches andere Volk, mein Gott, hast du aus der Sklaverei erlöst und zu deinem eigenen Volk erwählt?“ (Vers 23)

Wenn wir genau hinschauen und jeden einzelnen Moment der Worte Davids würdigen, können wir Erstaunliches von ihm lernen: Egal aus welcher Sicht David sein Leben betrachtet, es ist immer der gleiche Gott, der ihn dabei begleitet. Und ganz gleich, wie viel Verantwortung er zu tragen berufen ist, wird doch deutlich, dass Gott selbst es ist, der handelt. Und in selbstkritischer Betrachtung seines Lebens kann er gar nicht fassen, was dieser Gott, sein Herr, ihm alles geschenkt hat. Und mittendrin bringt er dann einen bemerkenswerten Satz heraus: „Es ist keiner wie du, und ist kein Gott außer dir.“ (Vers 22) Das ist ein heiliger Moment. Dieser Zeitpunkt ist genau der richtige. Nicht wegen der Uhrzeit, oder der Ruhe, oder wegen des erfüllten Lebens, auf das David zurückblicken darf, sondern, weil das „Du“ in seiner Gottesbeziehung im klarsten aller Lichter aufscheint. – Hier ist David nicht mehr ein Getriebener seiner Umstände, sondern hat sein Gegenüber erkannt. Nichts schiebt ihn irgendwo hin, sondern Gott selbst zieht ihn zu sich. Im Hören und Loben hat David Zugang zu diesem Moment gefunden. Und all seine unterschiedlichen Rollen haben ihren Platz darin gehabt.

Jetzt darf ich beruhigt in meinen stressigen Alltag zurück, getrost setze ich mir wieder alle Hüte auf, ob sie mir stehen oder nicht: Weil ich keinen besonderen Moment abpassen muss, weil mein geistliches Leben kein weiterer Punkt auf der täglichen Aufgaben-Liste sein muss, weil ich gar nichts beisteuern muss, um in jedem einzelnen Moment mein Gegenüber zu sehen. Denn ER sieht mich und zieht mich immer wieder zu sich. ER ist Gott und sonst keiner. Er ist kein Antreiber, sondern empfängt mich mit offenen Armen. Damit macht er mir etwas ganz Wichtiges vor: gerne empfangen. – Vom Wahnsinn des Alltags geschädigt bin ich nämlich eher misstrauisch und beäuge jedes Geschenk auf mögliche neue Verpflichtungen, Hüte und Rollen. Dabei übersehe ich jedoch, dass Gott mir vielleicht einfach nur diesen Moment schenken will: genau diesen „richtigen“ Zeitpunkt. Und wenn es mal wieder etwas ruhiger wird, freue ich mich trotzdem darüber.

Pastor Daniel Meisinger

Impuls April 2019

Impuls April 2019

Jesus spricht: „Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ (Matthäus 28, 20)

 

Letzte Worte. Ihnen kommt immer eine große Bedeutung zu. Goethe soll auf seinem Sterbebett gesagt haben „Mehr Licht!“ Viele haben das interpretiert als eine Erkenntnis, die man eben auf der Schwelle vom Leben zum Tod erfährt. Von dort drüben leuchtet Licht ins Leben, das Licht der Ewigkeit, der Wahrheit, der Vollkommenheit. Witzbolde haben festgestellt, dass Goethe Sachse war. So könnte er gesagt haben „Mer liecht hier so unbequem“ oder auch “Mer liecht nix mehr am Läbn“. Vielleicht war es auch nur der Befehl an den Diener, die Fensterläden zu öffnen? Wir wissen es nicht und werden es auch nie herausfinden.

Von ganz anderer Qualität sind da die letzten Worte Jesu, die ja vorletzte sind. Laut dem Evangelienschreiber Matthäus hatte er seine Nachfolgerinnen und Nachfolger auf einen Berg bestellt, um ihnen sein Vermächtnis zu geben. Also auch uns. Sie – also auch wir – sollen in der Zwischenzeit, bis er sein letztes Wort spricht, die gute Nachricht verbreiten. Allen Völkern, allen Menschen. Und sie in dem unterweisen, was er uns beigebracht hat. Und sie taufen. Eigentlich eine Bitte, fruchtbar zu sein. Andere auch zu Jüngerinnen und Jüngern machen.

So sind wir seitdem unterwegs. In 2.000 Jahren Kirchengeschichte hat die Kirche Milliarden von Menschen zumindest eingeladen. Wie viele sie davon mit Zwang und Drohung vor dem Höllenfeuer in ihre Mauern gelockt hat, lassen wir einmal dahingestellt. Denn es hat nichts mit der Froh-Botschaft zu tun. Die Droh-Botschaft ist Jesu Sache nicht. Er will Menschen, die Gott aus ganzem Herzen und mit jeder Faser ihres Seins lieben. Andere folgen wer weiß wem nach, ihm jedenfalls nicht.

So sind wir auch in Reutlingen unterwegs. Wollen es auf jeden Fall sein. Und nicht immer gelingt uns das. Nicht immer ist die frohe Botschaft auch als solche zu erkennen. Vieles schleicht sich immer wieder ein in diese Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen und zu seiner ganzen Schöpfung. Wir sind noch nicht frei von Machtgelüsten und Gier nach einem bequemen Leben im Wohlstand, das uns nichts kostet. Aber wir bemühen uns. So lehren wir, so predigen wir, so taufen wir – an Ostern wieder einmal. Worüber ich mich ganz besonders freue ist, dass es uns gelungen ist, in jedem Jahr, in dem ich hier in Reutlingen Pastor bin und war, ein Tauffest zu feiern.

Nun sagt uns Jesus für diese Zwischenzeit nicht zu, dass es uns gut gehen wird. Dass er Unglück und Leid von uns fernhalten wird. Er sagt uns auch nicht, dass wir unseren Auftrag immer mit einem glückseligen Lächeln ausführen werden. Es wird uns auch gehen wie Jesus und den Propheten vor ihm. Wir werden auch verspottet werden, verlacht und verfolgt. Einige von uns sind auch gekreuzigt worden, weil sie sich zu ihm bekannt haben. Aber er hat uns etwas anderes versprochen: er wird nie weggehen. An jedem Tag – bis ans Ende der Welt wird er da sein. Uns nahe sein. Uns einhüllen in seine Liebe und seinen Frieden. Egal, was passiert.

Ich lese gerade die Bücher von Maja Lunde „Die Geschichte der Bienen“ und „Die Geschichte des Wassers“. Sehr eindrücklich wird uns dort geschildet, was passieren wird, wenn wir nicht anfangen, gegenzusteuern. Wir werden unseren Planeten unbewohnbar machen, wenn wir Monsanto, Bayer und Nestle weiter machen lassen. Wenn wir nicht zu den natürlichen Lebensbedingungen zurückkehren und wenn wir die Bevölkerungsexplosion nicht in den Griff bekommen.

Ein schwacher Trost? Dass Jesus an jedem Tag bis zum Untergang bei uns ist? Könnte man sagen, wenn man nur sein irdisches Leben im Fokus hat. Ein starker Trost, weil wir in diesem Monat nicht nur Taufe, sondern auch Karfreitag und Ostern feiern. Der Sieg des Lebens über den Tod. Aber nicht vorläufig, sondern endgültig. „Ist Christus nicht von den Toten auferstanden, dann sind wir die elendsten unter allen Geschöpfen“. Aber es ist ausgemacht: Jesus siegt. Sein letztes Wort hat die ganze Welt nach Hause geliebt. „Es ist vollbracht“.

Noch leben wir in der Zwischenzeit, in der Zeit der vorläufigen Worte.

Zwischen Himmel und Erde ist ein Riss und ein Kampf zwischen Licht und Finsternis

In dieser Zwischenzeit, in dieser Zwischenzeit.

Zwischen Himmel und Erde sind wir noch und das, was wir nicht wollen, tun wir doch

In dieser Zwischenzeit, in dieser Zwischenzeit.

Mitten in dieser Welt, doch nicht von dieser Welt. Wir gehören zu dir und doch sind wir noch hier.

Zwischen Himmel und Erde hängst du dort. Ganz allein und verlassen von Mensch und Gott
zwischen Himmel und Erde ausgestreckt, dort am Kreuz.

Zwischen Himmel und Erde hängst du dort. Wo die Balken sich kreuzen, ist der Ort. Wo sich Himmel und Erde trifft in dir, dort am Kreuz. (Albert Frey)

Da hinein strahlt Ostern. „Mehr Licht“. Ostern ist der Vorschuss auf das letzte Wort Gottes und seines Christus. Das Alte vergeht – siehe, ich mache alles neu!

 

Eine besinnliche Karwoche und ausgelassen frohe Ostern!

 

Euer Pastor G. Mahler