Suchet der Stadt Bestes und Betet für sie zum Herrn;

denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl

Jeremia 29,7

 

Liebe Gemeinde,

da stehen sie an der Dorfeinfahrt in der Mitte vom Kreisverkehr und arbeiten an den Blumenbeeten. Jeder von ihnen hat eine orangefarbene Baseballkappe auf. Klar, so sieht man sie besser. Als ich in den kleinen französischen Ort in der Provence rein fahre, entdecke ich die orangenen Baseballkappen überall. Auf dem kleinen Marktplatz, in manchen Nebenstraßen, vor der Kirche. Die Menschen unter den orangenen Kappen sind beschäftigt. Sie tragen Säcke, schieben Schubkarren und hantieren mit Hacke und Spaten in Beeten herum.

Sieht bunt und fröhlich aus. Eine Stunde später sitzen wir in einem Straßencafé mit Croissant und Kaffee. Am Nebentisch sitzt ein älterer Herr und auf dem Tisch liegt auch so eine orangefarbene Kappe. Dank meiner französischsprechenden Begleitung frage ich ihn, was es mit den Menschen und den Kappen auf sich hat. Er lacht. „Wir machen unser Dorf schöner. Dieses Wochenende sind alle Blumenbeete dran. Vor 2 Wochen haben wir den Schulhof und den Spielplatz auf Vordermann gebracht und wir haben noch viele Ideen, was gemacht werden kann. Nach jeder Aktion gibt es natürlich ein Fest“, lacht er, bevor er aufsteht, um weiter zu machen. „Die Hauptsache ist aber“, sagt er im Gehen, „dass wir uns in unserem Dorf wohlfühlen, wir wohnen ja hier.“

Bei dem Monatsvers fiel mir diese Geschichte wieder ein. Menschen engagieren sich, weil es der Platz ist, wo sie gerade wohnen. Wenn es dem Dorf oder der Stadt gut geht, dann geht es auch ihnen gut. „Suchet der Stadt Bestes“, sagt Gott durch seinen Propheten Jeremia. Es war mal wieder Kriegszustand in Israel und ein Teil des Volkes lebte in der Verbannung. Für sie ist der Satz eine Weisung von Gott. Klar wollten die meisten von ihnen so schnell wie möglich wieder zurück. Aber Gott sagt, so schnell wird es nicht gehen. 70 Jahre wird die Verbannung dauern. Da lohnt es sich schon, sich zu engagieren. Und es hat auch einen Nutzen für sie selbst. Wer nur auf gepackten Koffern lebt, wird auf die Dauer nicht glücklich.

Neben dem Engagement soll aber auch das Gebet nicht fehlen. Für die Menschen in der Stadt. Für die, die etwas zu sagen haben. Für das Miteinander von Einheimischen und Verbannten. Gott hat sein Volk im Alten Testament öfter mal in die Verbannung geschickt. Sehr oft haben sie Gott gelobt und ihn im Tempel angebetet. Aber genauso oft haben sie sich von ihm abgewendet und sich lieber mit anderen Dingen und Göttern beschäftigt. Obwohl Gott darüber traurig und zornig wurde, hat er sein Volk nicht wirklich im Stich gelassen. Auch in der Verbannung gab es tröstende und mutmachende Worte durch seine Propheten. Gott ist seinem Volk treu geblieben.

Weil das noch nicht ganz ausreichte, hat er zur Krönung noch seinen Sohn Jesus Christus auf diese Welt gesandt. Damit alle Menschen in allen Länder Gottes Güte und Vergebung und Liebe erleben dürfen. Das betrifft auch uns heute 2020 in Reutlingen. Gott steht zu uns, egal in welcher Lebenssituation wir uns befinden.  Wenn es unserer Stadt gut geht, wird es auch uns gut gehen. Wenn wir für die Menschen in unserer Stadt, in unserem Umfeld ein Segen sind, so werden auch wir gesegnet.

Wo können wir uns nun engagieren? Spontan fällt mir das Nähcafé ein. Mitten in der Stadt können Menschen in einen Laden kommen zum Reden, zum Nähen lernen. Hier werden sie ernst genommen. An diesem Ort wird zugehört, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Vor Jahren gab es die Teestube mitten in der Stadt. Auch ein Platz wo Menschen am Samstag hingehen konnten. In der Holzwerkstatt wurde arbeitslosen Menschen geholfen. Oder der Sprachunterricht, den jahrelang Menschen aus unserer Gemeinde angeboten haben. Menschen die nicht so gut Deutsch konnten, weil sie Fremde in diesem Land waren, konnten mit kreativen Methoden Deutsch lernen. Damit bekamen sie ein wenig Selbstbewusstsein und Anerkennung. Jetzt zu Corona-Zeiten helfen manche anderen beim Einkaufen, damit sie nicht in die Enge der Stadt gehen müssen.

Für die Stadt beten geht immer. Zu Hause oder in der Gemeinde, beim Frühgebet oder in den Gottesdiensten. Suchet der Stadt Bestes heißt aber nicht: Ich, Gott, habe einen Plan und den müsst ihr umsetzen. Nein, unsere Kreativität ist gefragt. Dabei muss es nicht die große Nummer sein, mit der wir in der nächsten Woche im Reutlinger GEA erscheinen. Viele kleine Dinge können helfen unsere Stadt so schön zu machen, dass wir gerne hier leben.

Wie immer fängt alles mit einem ersten Schritt an. Da werden dann manche unmöglich scheinenden Ideen dann doch möglich. Wir müssen einfach nur anfangen. Ich bin mir sicher, dass Gott uns dabei segnet. Als Einzelne und als Gemeinde.

Auf der Rückfahrt von meinem Urlaub habe ich in einem ganz anderen Ort wieder Menschen gesehen, die eine orangefarbene Kappe trugen. Auch sie arbeiteten daran, dass ihre Stadt schöner wird. Es waren die Jungs von der Müllabfuhr.

Michel Schütze