ICH WEISS DASS MEIN ERLÖSER LEBT       Hiob 19, 25a

Ich staune. Unbegreiflich denke ich. Ich steh da und verstehe nichts. Wie kann Hiob das sagen, nach all dem, was er an Leid erfahren hat. Nach all den Vorwürfen seiner Freunde, die ihm raten auf sich zu schauen, und nach den Ursachen des Leids und der Last und des Unheils bei sich zu suchen.

ICH WEISS, DASS MEIN ERLÖSER LEBT??

Es ist ein Weinen in der Welt,

als ob der liebe Gott gestorben wär,

und der bleierne Schatten, der niederfällt,

lastet grabesschwer.

Komm wir wollen uns näher verbergen.

Das Leben liegt in allen Herzen wie in Särgen.

Du! Wir wollen uns tief küssen.

Es pocht eine Sehnsucht in die Welt,

an der wir sterben müssen.

Else Lasker-Schüler (1869-1945), jüd. Dichterin

Diese Sätze sind mir manchmal näher. Last drückt. – Leid wird unerträglich. – Die Welt zerbricht, die große Welt und meine kleine Welt. Da ist nicht viel Hoffnung; und ich ziehe mich zurück. Diesen Ausweg gibt es noch, fragil und zerbrechlich zwar, aber es ist auszuhalten, manchmal sogar schön. Ich feiere die Gottesdienste. Sie bauen mich noch auf und tun mir gut. Ich hab noch meinen Hauskreis, meine Freunde, meine Familie, meine kleinen Rückzugsmöglichkeiten. – Und doch.

Da ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär…………..

Psalm 22a:  Mein GOTT, mein GOTT, warum hast du mich verlassen?

Davids Psalmgebet

Jesu Schrei am Kreuz

Nichts bleibt mehr – gar nichts.  Alles bricht zusammen. Es ist, als ob man nur noch fällt. Keiner mehr, der einen hält, niemand da – nicht einmal Gott?

Mein GOTT, mein GOTT warum hast du mich verlassen?

Es wird nicht berichtet, dass Jesus auf sein Schreien nach Gott eine Antwort erhalten hat.

Aber das ist sicher seit jenem Karfreitag und nach Ostern:

Gott verlässt nicht, nie. Er beantwortet unsere „Warum-Fragen“ nicht, dazu ist er nicht gekommen. In Jesus Christus ist er gekommen und sagt: “ich bin bei dir, ich bin für dich da, ich bin für dich. Ich bin bei dir bis ans Ende – versprochen:

Bis ans Ende deiner Begrenztheit

Bis ans Ende deiner Kraft

Bis ans Ende deines Lebens.

„Ich gehe mit“ sagt er – und er tut‘s.

Angelus Silesius (ein Mystiker aus dem Mittelalter) schreibt:

Das Kreuz von Golgatha, es kann dich nicht vom Bösen, wo es nicht in dir aufgerichtet wird, erlösen.

Das Kreuz wird aufgerichtet  – Gott tut`s in Jesus Christus. Dafür war und ist und bleibt er allein verantwortlich. Und noch eins:

Aus der Passionsgeschichte:

– Danach schleppen sie Jesus in den Keller des Palastes. Binden ihn an eine Säule und peitschen ihn aus. Am Ende zerren sie einen zerschlagenen Menschen hoch und führen ihn vor, oben, vor der Menschenmenge und dem Statthalter. Der deutet auf ihn und sagt: „Seht euch den Menschen an!“ Vielleicht liegt in seinem Verweisen der Tonfall: „So etwas will ein Mensch sein!“, oder so ähnlich. Wir wissen es nicht. Und wir sehen die geschundene Gestalt des blutüberströmten Menschen. Wir vergleichen ihn mit den Phantasien und Traumbildern vom schönen, starken, jungen, gesunden, attraktiven Menschen, die heute wie eh und je geträumt werden. Aber das kannst du wissen: Der ewig gesunde und leistungsfähige, sein Glück genießende Mensch ist ein Traum. Und das andere auch: Alter, Schwäche, Krankheit, Leiden, Hilflosigkeit, Entstellung sind seit Jesus kein Fluch mehr. In all dem spiegelt sich der, der gesagt hat: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“  In Jesus ist es der verwundbare Mensch, der dem Bild des Menschen den stärkeren Ausdruck gibt. Seit Jesus brauchst du keinem Traumbild mehr zu entsprechen, sondern eher schon ihm, dem verwundeten Menschen. Seit Jesus wirst du keine Ruhe mehr finden darüber, dass rund um die Erde noch immer Menschen gepeitscht, gefoltert, entehrt und um ihr Menschentum gebracht werden – und kaum einer aufschreit, der es sieht. Denn sein Bild steht vor dir, und du kannst ihm nicht ausweichen.

Deshalb sei sicher: Gott verlässt dich nicht. Er sagt: Auch wenn du Angst hast, auch Todesangst hast, auch wenn du denkst ich wär gestorben, ich bleibe bei dir und gehe alle deine Wege mit – und manchmal, da trage ich dich.

 

Was uns bleibt ist zu bitten:

Vater unser im Himmel – Dein Reich komme – Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden  – unser tägliches Brot gib uns heute – und vergib uns unsere Schuld, wie auch wie vergeben unseren Schuldigern,  und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. – Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

ICH WEISS, DASS MEIN ERLÖSER LEBT!!

GOTT segne uns

achim eichel